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Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread
#21
Only lovers left alive von Jim Jarmusch

Man kann den Film als romantische Liebesgeschichte zwischen Vampiren goutieren Die Vampire sind gebildet, parlieren über Literatur, Musik und Wissenschaft, eine handlungsarme, wenig originelle Story, schöne Bilder. Selbst die verfallene Kulisse der Geisterstadt Detroit erscheint entrückt, der passende Hintergrund für eine Vampirgeschichte, morbider Dekor. Tom Hiddlestone als depressiver, todessehnsüchtiger Vampir Adam spielt hart am Rande des Kitschs. Er lässt sich eine Patrone anfertigen um Suizid zu begehen, aus Hartholz versteht sich, er nennt den lateinischen Namen der in Frage kommenden Holzarten. An der Wand in seiner Wohnung hängen Bilder von Kafka, Poe, Christopher Marlowe und ganz unten rechts ein Foto, diesmal in Farbe, von Neil Young, der den Soundtrack zu Jarmuschs Film Dead Man geschrieben hat.

Die Dialoge sind grauenhaft, dermaßen klischeebeladen, dass man sie am Anfang nur zugunsten der schönen Bilder überhören kann, wenn Tilda Swinton als Eve zu Adam sagt: „Dieses Gespräch hatten wir doch schon“, kommt einem das schon bekannt vor, wenn auch aus anderen Zusammenhängen. Aber spätestens dann, wenn die nervige kleine Schwester von Vampirin Eve auftaucht, die verkörperte Parodie der Highschool-Vampire aus der Twilight Saga, und Eve den Satz äußert: „Mit der Familie ist es immer ein wenig schwierig“, dann kann ich das nicht mehr als trivialen Witz verstehen, sondern als schwärzesten Sarkasmus. Oder dass Adam sich über die Elektroinstallationen in Detroit und später in Tanger aufregt und deshalb hinter seinem Haus einen Generator gebaut hat, um elektrisch autonom zu sein. Dort gibt es auch Fliegenpilze, die eigentlich in dieser Jahreszeit nicht wachsen sollten, wie gemalt, wie aus dem Märchenbuch, wie ein bedeutungsschwangeres Zitat aus einem anderen Zusammenhang, aber ob und was es damit auf sich hat, erfährt man nicht. Vermutlich hat es damit nämlich gar nichts auf sich, nur dass Jarmusch den Zuschauer von einem Klischee ins andere fallen lässt, denn der Zuschauer ist es gewohnt, diesen Klischees zu glauben. Oder wenn Eve zu Adam sagt: „Ich finde es toll, wie du dich hier eingerichtet hast“ (oder so ähnlich) und die Wohnung in einem abbruchreifen Haus sieht in Wirklichkeit aus wie eine illegale Pennerbleibe. Oder dass man in einer langen Großaufnahme, weißes Handy auf schwarzem Vampirgewandhintergrund, den angebissenen Apfel im Logo der bekannten Handyfirma sieht, das ist auf den ersten Blick vielleicht Schleichwerbung, dahinter steckt knallharter Sarkasmus. Oder dass der Vampir Christopher Marlowe (John Hurt) an verseuchten Blutkonserven krepiert, die er von einem französischen Arzt bezieht, das kann nur eine bösartige Anspielung auf den Skandal in Frankreich sein, wo Ärzte wissentlich Patienten durch Bluttransfusionen mit Aids infiziert haben. Nicht nur mit dem Blut muss man aufpassen, die Zombies, wie Adam die Menschen nennt, haben auch das Wasser verseucht. Ein Ökovampir?

Jim Jarmusch und seine Schauspieler trugen zur Film-Pressekonferenz schwarze Sonnenbrillen wie die Vampire, und was die albernen Handschuhe bedeuten sollen, die die Vampire tragen oder vielsagend ausziehen, weiß auch niemand.

Ich bin mit einer völlig falschen Erwartungshandlung in den Film gegangen, ich dachte, ich nehme die Vampirstory in Kauf zu Gunsten der schönen Bilder. Ich war wirklich fassungslos, als ich aus dem Kino nach Hause gegangen bin. Ein Kritiker hat über den Film gesagt, dass Jim Jarmusch Bilder aus seiner eigenen inneren Welt zeigt, die man aber nicht unbedingt sehen muss, weil es langweilig ist. Es sind aber Bilder aus unserer wirklichen äußeren Welt, die wir nicht sehen wollen oder nicht sehen können, weil sie von Klischees zugemüllt sind. Die bedrohlich real existierende Geisterstadt Detroit im Amerika des Jahres 2013, wer will die schon wirklich sehen? Offensichtlich haben auch die meisten Kritiker nichts gesehen außer hin und wieder ein paar witzige Einlagen. Jim Jarmusch macht sich über uns lustig, der Titel „Only Lovers left alive“ ist schon Parodie genug, denn es stimmt überhaupt nicht und darum geht es im Film auch nicht.

Ich finde den Film genial, den Regisseur genial, die Schauspieler genial, und ich sehe jetzt auch Jarmuschs „Dead Man“, über den ich hier schon mal geschrieben habe, mit anderen Augen: die Kannibalenszene und Iggy Pop in Frauenkleidern z.B., da hat dieser alte Vampir Jarmusch uns wohl auch wieder reingelegt.

Wahnsinnig toll finde ich den Song von Yasmine Hamdan (die Aufnahmequalität ist leider ziemlich schlecht) http://www.youtube.com/watch?v=yw6nD1MkXNo
Zu viele Noten, Herr Mozart!







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Nachrichten in diesem Thema
Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von IndigoRyu - 06-04-2013, 01:17 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 06-28-2013, 11:36 PM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 06-29-2013, 01:26 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 06-29-2013, 02:52 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von saphira - 08-29-2013, 12:30 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 09-02-2013, 05:56 PM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 10-18-2013, 08:09 PM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von Aquila - 12-16-2013, 12:19 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von Terminator - 01-09-2014, 11:56 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 01-09-2014, 02:38 PM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von Kronos - 07-17-2015, 08:45 PM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 07-18-2015, 12:36 AM
RE: Epic Scene - Der Kunstfilm-Thread - von klara - 09-03-2016, 05:19 PM

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